- Lesezeit etwa 4 Min.
- 8 Quellen am Ende
1.735 Störungen weltweit zählte laut Computerwoche der deutsche Krisenstab nach dem Jahreswechsel 1999/2000. Das klingt nach wenig und lässt sich trotzdem verschieden deuten. Hier stehen sieben Behauptungen zum Jahr-2000-Problem, geprüft an dem, was Presse und Fachmagazine damals und später berichteten.
„Das Jahr-2000-Problem war erfunden“
Mythos
Die Ursache war real: Viele Programme ließen die ersten Ziffern „19“ der Jahreszahl weg, sodass „00“ als 1900 gelesen werden konnte (heise). Es gab auch echte Fehler. Laut Computerwoche (14. Januar 2000) schickte das Münchner Steueramt im Dezember 1999 Rechnungen mit Fälligkeit am 11. Januar 1900, darunter eine Mahngebühr von rund 15.600 Mark. In Großbritannien verweigerten am 28. Dezember 1999 etwa 20.000 Kartenterminals Zahlungen, weil sie den 1. Januar 2000 als 1. Januar 1900 lasen. In deutschen Restaurants druckten Jarltech-Kassen Bons mit dem Jahr 1980, und Quicken 2000 datierte Bankumsätze auf den 3. Januar 1900.
„Zu Silvester brach alles zusammen“
Mythos
Laut Computerwoche zählte der deutsche Krisenstab 1.735 Störungen weltweit. Die deutschen Gesundheitsbehörden registrierten etwa 300 Meldungen, davon 11 kleine Störungen ohne Folgen für die Patientenversorgung, das Bundesinnenministerium meldete eine Y2K-bedingte Verkehrsstörung. In der Stromversorgung gab es laut einem Rückblick von Udo Leuschner keine nennenswerten Computerausfälle; der Autor hatte im Auftrag der Informationszentrale der Elektrizitätswirtschaft geschrieben. Heise nennt nur Störungen bei Kreditkartentransaktionen und eine Kfz-Steuernachforderung für 100 Jahre; im Kernkraftwerk Fukushima zeigte eine Anzeige für Steuerstäbe den 6. Februar 2036, der Betrieb blieb unbeeinträchtigt.
„Die Berliner Feuerwehr war ein Y2K-Opfer“
Mythos
In der Silvesternacht gingen bei der Berliner Feuerwehr über 7.000 Notrufe ein, 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Laut Computerwoche lag die Ursache in einem abgestürzten Zentralrechner, der nach Angaben der Verantwortlichen nicht mit dem Jahr-2000-Problem zusammenhing.
„Deutsche Firmen waren gut vorbereitet“
Teils richtig
Ecin berichtete am 2. September 1999, dass Siegmar Mosdorf rund 40 Prozent der deutschen Unternehmen für unzureichend vorbereitet hielt, fast nur kleine und mittlere. Die „Initiative 2000“ schätzte, rund 20 Prozent hätten nichts unternommen. In einer Umfrage von Peer Steinbrück unter 2.000 Unternehmen in Nordrhein-Westfalen hatten 58 Prozent die Umstellung abgeschlossen, 37 Prozent bereiteten sie vor, 5 Prozent hatten nicht begonnen. Die 100 größten Unternehmen wollten die Umstellung laut Horizont (11. November 1998) bis Sommer 1999 abschließen.
„Silvester gab es kein Bargeld“
Nur Pläne belegt
Der 31. Dezember 1999 war bundesweit „Bankfeiertag“, und viele Institute wollten ihre Systeme teilweise herunterfahren. Laut PC-Welt (20. Dezember 1999, dpa) sollten Geldautomaten nahezu flächendeckend verfügbar bleiben, einige wenige Minuten um Mitternacht abgeschaltet werden und teils nicht mehr als 400 Mark pro Vorgang auszahlen. Die Postbank wollte ihre Online-Zugänge für vier Stunden schließen, davon waren 640.000 Kunden betroffen. Das waren Pläne der Institute, keine Meldungen über den tatsächlichen Verlauf.
„Alle Y2K-Lösungen waren seriös“
Mythos
Laut heise bot die Microtech 2000 GmbH Software für 250 D-Mark pro PC an, die nur vorgeführt wurde; Testmuster gab es nicht. Im Mai 1999 wurde eine Hausdurchsuchung bei dem Unternehmen bekannt, gegen den Geschäftsführer wurde ermittelt. Die c’t hatte dagegen in Ausgabe 1/1999 kostenlose PC-Tests und Korrektursoftware samt Quelltext angeboten.
„Die Milliarden waren umsonst ausgegeben“
Quellen widersprechen sich
Die Kosten werden sehr verschieden beziffert. Gartner nannte weltweit rund 600 Milliarden US-Dollar (heise), t3n etwa 500 Milliarden US-Dollar, der SRF unter Berufung auf den Guardian über 300 Milliarden Euro. Für Deutschland gab die Geldwirtschaft laut PC-Welt mehr als 10 Milliarden Mark aus; vor dem Jahreswechsel hatte der Branchenverband konservativ 45 Milliarden Mark für Deutschland geschätzt (Horizont). Laut Computerwoche schätzte der US-Berater John Koskinen, bis zu 10 Milliarden US-Dollar könnten verschwendet worden sein, IDC bezifferte etwa 41 Milliarden. Der SRF schreibt, ob wenig schiefging, weil gut vorbereitet wurde oder weil die Angst übertrieben war, sei umstritten.
Und danach?
Zu Neujahr 2020 meldete t3n Fehler, die an zweistellige Jahreszahlen erinnerten: In New York verloren rund 14.000 Parkuhren die Kreditkartenzahlung, die offizielle Bezeichnung lautet „Y2K2X-Softwarefehler“; das Spiel WWE 2K20 stürzte kurz nach Jahresbeginn ab. Heise erwartet die nächste Zeitmessungskrise 2038, wenn die 32-Bit-Unix-Zeit überläuft. Mehr zur Zeit davor steht im Damals-vs.-heute-Beitrag.
Zum Anschauen
Weiterlesen: DSL und Flatrate und Netscape gegen Internet Explorer.
Quellen (8) · Stand Oktober 2026
- heise: Ein Blick zurück, das Jahr-2000-Problem (5.2.2023)
- Computerwoche: Jahr-2000-Problem, und sie dreht sich noch (14.1.2000)
- PC-Welt: Kein Geld an Silvester (20.12.1999)
- Horizont: Jahr-2000-Problem, Kosten (11.11.1998)
- ecin: Das Jahr-2000-Problem, Panikmache oder reale Bedrohung (2.9.1999)
- Udo Leuschner: Rückblick auf das Jahr-2000-Problem
- SRF: 25 Jahre Jahrtausendwechsel (31.12.2024)
- t3n: Y2K-Bug, warum das Jahr-2000-Problem zurückkam (17.1.2020)
Dazu: die Beschreibungen der verlinkten Videos.
Unabhängige Fan-Seite: Alle genannten Marken, Sendungen, Spiele und Produkte gehören ihren Inhabern. Videos stammen von Dritten und laden erst nach einem Klick. Einige Links sind Affiliate-Links und direkt an der Stelle als Werbung gekennzeichnet.
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.