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SchülerVZ, studiVZ, meinVZ: Gruscheln und das Ende 2013

Illustration eines roten VZ-Profils mit Gruscheln-Knopf
  • Lesezeit etwa 6 Min.
  • 13 Quellen am Ende

Das deutsche Facebook von 2005: Aufstieg, Datenschutzstreit, Verkauf an Holtzbrinck und das Ende von SchülerVZ am 30. April 2013, mit Zeitleiste und Quellen. SchülerVZ, studiVZ und meinVZ waren für ein paar Jahre das soziale Netz der Deutschen, und danach ging es erstaunlich schnell.

Hinweis: Das hier ist eine unabhängige Fan-Seite, SchülerVZ, studiVZ und meinVZ sind Namen ihrer Inhaber. Ich zeige keine echten Profile, Fotos oder Namen von Nutzern, es geht um die dokumentierte Geschichte des Dienstes. Zum Datenschutz-Teil: Das war damals ein reales Problem, kein Gag.

Inhalt (7)

Die Zeitleiste

ZeitpunktEreignis
Oktober 2005studiVZ geht online, gegründet von Ehssan Dariani und Dennis Bemmann
2006Mark Zuckerberg bietet laut Dariani fünf bis sechs Prozent der Facebook-Anteile, die Gründer wollen Bargeld
3. Januar 2007Holtzbrinck übernimmt für geschätzt 85 Millionen Euro, Axel Springer hatte 90 Millionen geboten
Februar 2007SchülerVZ öffnet nach langer Betaphase offiziell
Dezember 2007Neue AGB, Zustimmung bis zum 9. Januar 2008, sonst Ausschluss
Januar 2008SchülerVZ meldet 2,7 Millionen Nutzer
28. Februar 2008meinVZ startet für Nutzer, die nicht oder nicht mehr studieren, studiVZ hat über acht Millionen Mitglieder
2009Facebook verklagt studiVZ, das Landgericht Köln sieht keine unlautere Nachahmung
Oktober 2009Datenleck bei SchülerVZ, über 100.000 Datensätze gelangen an die Verbraucherzentrale
Ende 2010Die drei VZ-Netze haben zusammen über zwölf Millionen Nutzer
August 2012IVW: 76 Prozent weniger Besuche als ein Jahr zuvor
September 2012Holtzbrinck verkauft die VZ-Netzwerke an Vert Capital
30. April 2013SchülerVZ wird abgeschaltet, zuletzt etwa 200.000 Mitglieder
2017Insolvenz der Betreiberfirma
April 2020Neustart als VZ.net

Oktober 2005: studiVZ

Zwei Studenten, Ehssan Dariani und Dennis Bemmann, bauten eine deutsche Version von Facebook, mit roten statt blauen Farben. Facebook war damals noch ein Netzwerk für US-Universitäten. Aus „Anstupsen“ wurde „Gruscheln“, und fast jeder deutsche Internetnutzer unter 30 war irgendwann dabei (Business Punk, VICE).

Beim Spitzenwert gehen die Angaben auseinander: VICE und Business Punk nennen 17 Millionen Nutzer, das Buch „Die Paten des Internets“ in einem Auszug bei deutsche-startups rund 16 Millionen, die IVW-Auswertung von Horizont knapp 14 Millionen erreichte Nutzer zu Bestzeiten. Alle drei Zahlen zählen unterschiedlich, deshalb stehen sie hier nebeneinander.

Der Verkauf an Holtzbrinck war nach der Darstellung bei deutsche-startups keine Selbstverständlichkeit: Yahoo, Axel Springer, Holtzbrinck und Facebook boten mit. Springer legte fünf Millionen Euro mehr auf den Tisch als Holtzbrinck, die frühen Investoren wollten das höhere Angebot, am Ende bekam Holtzbrinck den Zuschlag, weil die Gründer dort realistischere Ziele sahen und sich nur für drei weitere Jahre verpflichten mussten. Die taz nannte damals knapp anderthalb Jahre nach Start „angeblich“ 100 Millionen Euro, VICE und Business Punk rund 85.

Wie es funktionierte: Gruscheln, Gruppen, Pinnwand

  • Gruscheln: eine Geste ohne Inhalt, laut VICE eins zu eins vom „Anstupsen“ bei Facebook übernommen. Die Geste hatte keinen Inhalt, genau das war ihr Reiz.
  • Gruppen: Hobbys, Klassen, Ironie. Bei der Neuauflage VZ.net 2020 kamen Gruppen und der „Plauderkasten“ ausdrücklich zurück (mobiflip).
  • Pinnwand: öffentliche Nachrichten an Freunde, für alle sichtbar. Hier entstand der Alltag: Verabredungen, Insiderwitze, Hausaufgaben.
  • Datenreichtum: Musikgeschmack, Hobbys, Nebenjobs. Genau das machte die Plattform für Werbetreibende wertvoll (taz, 15.12.2007).

SchülerVZ und meinVZ

SchülerVZ öffnete im Februar 2007 offiziell, für Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren, die Obergrenze lag bei 21 Jahren, ältere Profile wurden automatisch entfernt. Der Zugang lief über Einladungen bestehender Mitglieder, damit Erwachsene draußen blieben (Techbook, dpa-Meldung bei news4teachers). Im Januar 2008 meldete die Plattform 2,7 Millionen Nutzer und über 100 Millionen Seitenaufrufe, Techbook beziffert die damalige Reichweite auf rund 70 Prozent der knapp sieben Millionen deutschsprachigen Schüler.

meinVZ startete am 28. Februar 2008 für alle, die nicht oder nicht mehr studieren. Die Betreiber begründeten das damit, dass studiVZ viele Nicht-Studenten angezogen hatte. Zugleich hatte sich studiVZ den Ruf erworben, beim Datenschutz zu lax zu sein, meinVZ sollte mit Einstellungen zu Datenfreigabe und personalisierter Werbung antworten (WinFuture).

Datenschutz und der Spitzname StalkerVZ

  • Dezember 2007: Die Betreiber änderten die AGB, um Anzeigen auf Nutzerinteressen zuzuschneiden. Wer nicht bis zum 9. Januar zustimmte, wurde aus dem Netzwerk entfernt. Kritiker sprachen vom „StalkerVZ“ und „StasiVZ“, der Bundesdatenschutzbeauftragte warnte vor unvorsichtiger Weitergabe von Daten (taz, 15.12.2007).
  • Partyfotos: Laut taz erhielten Bewerber Absagen wegen Partyfotos, ein Grund, warum Arbeitgeber und Datenschutz früh Thema wurden.
  • Oktober 2009: netzpolitik.org erhielt am 23. Oktober Hinweise auf Daten von rund einer Million SchülerVZ-Nutzern, über 100.000 Datensätze gelangten laut dpa an die Verbraucherzentrale (netzpolitik.org, news4teachers).
  • Folgen: Techbook zählt die Datenlecks 2009 und 2010 und den Aufwand für Daten- und Jugendschutz zu den Gründen für das spätere Aus.

Facebook

Zuckerberg bot Dariani laut dessen Angaben 2006 fünf bis sechs Prozent der Facebook-Anteile an. Die Gründer lehnten ab, sie wollten Geld statt Anteile, die Business Punk heute auf über 70 Milliarden US-Dollar beziffert. 2009 verklagte Facebook dann studiVZ, das Landgericht Köln entschied, es liege keine unlautere Nachahmung vor (VICE, Business Punk). Ab 2010 nahm Facebook den deutschen Markt rasant ein.

Warum ging studiVZ unter? Business Punk nennt verpasste Chancen, Skandale und strategische Fehler, deutsche-startups wenig Innovation unter Holtzbrinck, Techbook Datenlecks und die Abwanderung zu Facebook, das durch Smartphones an Bedeutung gewann. Das ist keine Einzelursache, sondern eine Kette.

Der Absturz und das Ende

  • Ende 2010 bis Dezember 2012: Die drei VZ-Netzwerke zählten Ende 2010 noch über zwölf Millionen Nutzer, im Dezember 2012 nur noch 1,6 Millionen (Computerwoche, 09.04.2013).
  • August 2012: Die IVW-Zahlen zeigten für die VZ-Gruppe 36,6 Millionen Visits, 76 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, SchülerVZ hatte knapp 45 Prozent Anteil (Horizont, 08.08.2012).
  • September 2012: Holtzbrinck verkaufte die Netzwerke an Vert Capital (news4teachers).
  • 30. April 2013: SchülerVZ wurde eingestellt. Die Betreiber schrieben zum Abschied, man habe sich gefreut, die Nutzer eine Weile zu begleiten. Ein geplanter Umbau zu einem Bildungsangebot kam zu spät (Computerwoche, news4teachers).
  • 2017 und 2020: Die Betreiberfirma ging in die Insolvenz. Im April 2020 kehrten studiVZ und meinVZ als „VZ“ zurück, mit Gruppen, Plauderkasten und Spielepark, finanziert über Werbung (mobiflip, 28.04.2020).

Wer die ganze Geschichte als Film sehen will: Der NDR hat sie 2025 als rund einstündige Dokumentation „Gruschel mich! Die studiVZ-Story“ erzählt, zu sehen in der ARD Mediathek.

Einordnung: Für viele war es das erste Mal, dass das eigene Leben öffentlich auf einer Seite stand. Das Gruscheln war nur der Anfang, die Regeln, die man später für Instagram und TikTok diskutierte, wurden hier zum ersten Mal ausprobiert.

Quellen (13) · Stand Oktober 2026

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